Interview mit Regierungsrat Dr. Urs Hofmann

Urs Hofmann steht dem Departement Volkswirtschaft und Inneres (DVI) vor

Regierungsrat Urs Hofmann, Sie waren anlässlich der letzten Gemeindeversammlung von Attelwil am 22. November 2018 hier bei uns und wären ein weiteres Mal ins Suhrental gekommen, um als Festredner an unserer Jubiläumsfeier aufzutreten. Welchen Bezug haben Sie zum Suhrental?

Urs Hofmann: Ich bin in der Aarauer Telli aufgewachsen – also dort, wo die Suhre in die Aare fliesst. Das Suhrental besuchte ich jedoch lange Zeit meist nur auf der Durchfahrt. Anders nachdem ich in den Regierungsrat gewählt worden war: In kaum einer anderen Region war ich häufiger zu Gast als im Suhren- und Ruedertal: Für einen gemütlichen Abend mit Gemeinderäten, für einen Kulturabend, zur Bundesfeier, zum Jassen, auf Firmenbesuchen oder an der letzten Gemeindeversammlung von Attelwil. Wie wir Menschen es halt so haben: Wo es einem gefällt, wo man sich willkommen fühlt, geht man immer wieder gerne hin. Das gilt auch für einen Aargauer Regierungsrat.


Sie sind ein sehr volksnaher Regierungsrat. Was bedeutet Ihnen die Nähe zur und der Austausch mit der Bevölkerung?

Ich schätze den direkten Austausch mit den Aargauerinnen und Aargauer sehr. Deshalb freue ich mich auf Begegnungen mit den Menschen in unserem Kanton, wie sie zum Beispiel an einem Dorffest möglich sind. Im Alltag kommt das Gespräch mit den Bürgerinnen und Bürger leider manchmal zu kurz. Darum habe ich 2011 in meinem ersten Jahr als Landammann den Landammann-Stammtisch ins Leben gerufen. Andere Regierungsräte haben diese Idee übernommen, um auf unkomplizierte Art und Weise mit der Bevölkerung zusammenzukommen und zu diskutieren.


Wie nehmen Sie die Zusammenarbeit zwischen Kanton und Gemeinden aktuell wahr, wie hat sie sich seit Ihrem Amtsantritt entwickelt und wie sieht sie in zehn Jahren aus?

Ein starker Kanton braucht starke Gemeinden. Die Gemeindeautonomie, auf die wir im Aargau traditionell viel Wert legen, lebt von der Selbstverantwortung. Dazu gehört nicht nur eine gute Verwaltung, sondern auch die Weitsicht, sich rechtzeitig Gedanken über die eigene Zukunft zu machen. Ich stelle fest, dass sich das Verhältnis zwischen den Gemeinden und dem Kanton seit meinem Amtsantritt positiv entwickelt hat. Es besteht heute ein grosses Vertrauensverhältnis, welches Diskussionen in gegenseitigem Respekt und auf Augenhöhe erlaubt. So lassen sich auch die Herausforderungen der Zukunft anpacken. Das freut mich sehr.

 

Wie haben sich die Gemeinden entwickelt, seit Sie in der Regierung sind?

Zahlreiche Gemeinden haben die Zusammenarbeit verstärkt und es ist in den vergangenen 10 Jahren vermehrt zu Zusammenschlüssen gekommen. Viele Gemeinden haben sich vor allem auch bezüglich ihrer Verwaltung modernisiert. Sie nehmen bei den Kundenkontakten eine Vorreiterrolle ein: So gibt es mittlerweile Gemeinde-Apps oder Gemeindemelder, auf denen die Einwohnerinnen und Einwohner der Gemeinde mitteilen können, wenn etwas erledigt werden muss. Etwa wenn ein umgefallener Baum einen Wanderweg versperrt. Aber es gibt noch viel zu tun: Oft ist es Bürgerinnen oder Bürgern nicht klar, welche staatliche Ebene – ob Gemeinde, Kanton oder Bund – und welches Amt für ihr Anliegen zuständig ist. Manchmal ist es auch gar nicht so einfach, das herauszufinden. Gerade an diesem Punkt bietet uns die Digitalisierung Möglichkeiten, kundenfreundlicher zu werden: Ich kann mir gut vorstellen, dass man sich in Zukunft mit allen Anliegen, die den Staat betreffen, an einem digitalen Schalter melden kann. Dort wird das Anliegen verwaltungsintern der richtigen Stelle zugewiesen.

 

Was sind die heutigen und zukünftigen Herausforderungen einer Gemeinde und wie können diese am besten angegangen werden?

In den letzten Jahren ist es insbesondere für kleine Gemeinden schwierig geworden, stark und handlungsfähig zu bleiben. Die steigende Komplexität der Aufgaben in der öffentlichen Verwaltung und die Schwierigkeit, öffentliche Ämter mit geeigneten Personen zu besetzen, plagen viele Gemeinden. So wird einerseits die Arbeitswelt immer anspruchsvoller und erlaubt kaum mehr Absenzen. Andererseits zeigen Neuzuzügerinnen und Neuzuzüger oft eine gewisse Zurückhaltung bezüglich ihres Engagements für das Gemeinwesen oder suchen ganz die Anonymität. Dabei ist für den Regierungsrat klar: Die Gemeinden sollen ihre Zukunft selber in die Hand nehmen und selber entscheiden. Das Ziel sind nicht erzwungene Fusionen, sondern eigenständige Entscheide. Und ein möglicher Entscheid ist es, seine Eigenständigkeit als Gemeinde aufzugeben, sich mit anderen Gemeinden zusammenzutun und nach dem Motto "Gemeinsam sind wir stark" in die Zukunft zu gehen. In diesem Sinne freut es mich stets, wenn ich aktive Gemeinderäte antreffe, die ihre Gemeinde gestalten und nicht einfach verwalten! Reitnau und Attelwil sind dafür ein gutes Beispiel.

 

Was hat man aus den bisherigen Fusionen gelernt?

Für einen nachhaltig erfolgreichen Zusammenschluss braucht es eine intensive Phase der Vorbereitung mit dem Einbezug möglichst vieler interessierter Bürgerinnen und Bürger. Wichtig ist eine gute Vertrauensbasis. Die Menschen müssen spüren, dass man auf Augenhöhe miteinander umgeht und das Beste für alle anstrebt. Oft findet sich ja zusammen, was in vielen Belangen schon lange zusammenwirkte. Fusionen bedeuten aber nicht, dass die bisherigen Dorfgemeinschaften verschwinden. Wichtig ist, dass auch nach einem Zusammenschluss die Interessen der einzelnen Dorfteile gebührend eingebracht werden können und Traditionen weitergepflegt werden. Mit einer Fusion entsteht zwar eine neue politische Gemeinde, das Leben vor Ort und die persönlichen Beziehungen bestehen jedoch weiter. Dies muss man immer vor Augen halten.

 

Der Finanzausgleich zwischen den Aargauer Gemeinden wurde auf das Jahr 2018 hin vollständig neugestaltet. Was sind die ersten Erfahrungen?

Das neue Modell zeichnet sich durch eine deutlich höhere Berechenbarkeit aus als das bisherige. Und vor allem ist der neue Finanzausgleich transparent und bildet die effektiven Lasten besser ab, als dies früher der Fall war. Die Rückmeldungen aus den Gemeinden sind grossmehrheitlich positiv. Die ursprünglichen Prognosen wurden weitgehend bestätigt. Ein moderner Finanzausgleich soll nicht strukturerhaltend wirken, sondern vor allem Gemeinden unterstützen, die sich aktiv um ihre Zukunft kümmern. Und er muss einen Ausgleich schaffen, dort wo eine Verbesserung der Finanzlage trotz innovativen Ansätzen realistischerweise nicht möglich ist.

 

Reitnau erhielt im Jahr 2019 eine Finanzausgleichszahlung von CHF 937'250. Davon waren CHF 368'250 Übergangsbeiträge. Bedeutet das, dass Reitnau in der Zukunft diesen Übergangsbeitrag einsparen oder zusätzlich Einnahmen generieren muss?

In den ersten vier Jahren nach Inkrafttreten des neuen Finanzausgleichs werden Übergangsbeiträge ausgerichtet. Diese Beiträge erhalten alle Gemeinden, deren Finanzhaushalt durch den Systemwechsel beim Finanzausgleich und die Veränderungen bei der Aufgabenteilung um mehr als zwei Steuerfussprozente zusätzlich belastet wurde. Insgesamt 87 Gemeinden haben bis zum Jahr 2021 Anspruch auf Übergangsbeiträge. Dieser Betrag nimmt aufgrund der gesetzlichen Regelung jedes Jahr um 25 Prozentpunkte ab. Ab 2021 fallen die Übergangsbeiträge dann weg. Die damaligen Beiträge widerspiegeln das Ressourcenpotential und die effektiven Lasten und gewährleisten einen fairen Ausgleich. Gemeinden, die trotz der Finanzausgleichszahlungen ihren Haushalt nur dann ausgeglichen gestalten können, wenn sie den Steuerfuss um mehr als 25 Prozentpunkte über das kantonale Mittel anheben würden, haben Anspruch auf Ergänzungsbeiträge.

 

Der Aargau wächst stark, aber ungleich verteilt. Droht ein Konflikt zwischen gut versorgten Zentrumsgemeinden und ländlichen Gemeinden?

Im Gegensatz zu anderen Kantonen – wie etwa Zürich oder Luzern – gibt es im Aargau nicht die eine grosse Zentrumsgemeinde. Weil es viele kleinere und grössere Zentren gibt, sind in unserem Kanton die Regionen stark. Dabei haben gerade ländliche Gemeinden auch Vorteile zu bieten, die in städtischen Gebieten fehlen. So verfügt das Suhrental über eine hervorragende Wohnqualität: Das aktive Sozialleben – oft von Vereinen getragen – macht aus einer Gemeinde eine Gemeinschaft. Dazu kom-men eine wunderschöne Natur und ein beeindruckendes Kulturangebot. Zudem kann gerade in ländlichen Gebieten die Digitalisierung als Chance genutzt werden: Car-Sharing-Angebote oder digitale und damit uhrzeitunabhängige Dienstleistungen verändern das Leben auf dem Land. Darüber hinaus sind dank der digitalen Transformation auch neue ortsunabhängige Arbeitsformen möglich – mitten in der schönen Natur. Gerade das Suhrental ist verkehrsmässig gut erschlossen. Ich befürchte deshalb nicht, dass es künftig von der Entwicklung abgehängt wird.

 

Welche ökonomischen Entwicklungspotentiale bestehen für ländliche Gemeinden wie z. B. Reitnau?

Für die Eigenständigkeit einer Region sind neben sozialen und kulturellen Faktoren auch attraktive Arbeitsplätze wichtig. Dafür braucht es ein funktionierendes Gewerbe. Wichtig sind Mut zum Risiko, Begeisterungsfähigkeit, unternehmerische Erfahrung und ein starkes Netzwerk. Darum hat auch die Vernetzung des Gewerbes auf kommunaler und regionaler Ebene einen entscheidenden Einfluss auf die Standortattraktivität. Gewerbebetriebe sollen sich untereinander wo immer möglich austauschen und somit von den Synergien profitieren. In ländlichen Gemeinden sind die Wege kurz, man kennt sich oft – zum Teil schon seit mehreren Generationen. Für die Zusammenarbeit kann das von grossem Vorteil sein: Denn trotz oder vielleicht gerade wegen der Digitalisierung und der zunehmenden Anonymität in unseren Leben werden persönliche Kontakte immer wichtiger, wenn es darum geht, Vertrauen aufzubauen.

 

Vielen Dank für das Interview!

Entweder-Oder-Fragen

Urs Hofmann privat: Wo is(s)t er am liebsten? Was liest er gerne? Wie verbringt er seine Freizeit?

Kaffee oder Tee?

Seit vielen Jahren Tee, am liebsten Grün- und Schwarztee. Das hat sich sogar bis nach China herumgesprochen: Als Gastgeschenk hat mir der chinesische Vizepräsident ein kleines Teeservice mit in den Aargau gebracht.

Stadt oder Land?

Mein Lieblingsort ist Aarau. Hier finde ich Urbanes und Ländliches auf sehr engem Raum und ich bin rasch in der Natur.

Berge oder Meer?

Je nach Lust und Laune. Abwechslung macht das Leben spannend.

Romane oder Gedichte?

Im Alltag Gedichte und in den Ferien Romane.

Staatswagen oder Velo?

Ich besitze kein Auto. Mein Fahrzeug ist deshalb das Velo. Für Fahrten im ganzen Kanton kommt jedoch der Staatswagen zum Einsatz.

Bier oder Wein?

Wein, aber bei durstiger Kehle ist ein Weizenbier nicht zu verachten.

Sommer oder Winter?

Wenn es nur eines gäbe, der Sommer. Das schönste an der Schweiz sind jedoch die verschiedenen Jahreszeiten!

Zuhause kochen oder ins Restaurant gehen?

Meine Frau ist als Köchin unübertroffen. Deshalb esse ich am liebsten zuhause. 

Musik hören oder Musik machen?

Musik hören. Zwar habe ich ein Klavier, doch stosse ich mit meiner musikalischen Begabung rasch an Grenzen.

Sport schauen oder Sport ausüben?

Am liebsten jogge ich durch den Aarauer Wald, doch ein FC Aarau-Match auf dem Brügglifeld ist ebenbürtig.